Rede zur Ausstellungseröffnung in Pfungstadt 6/6/1997

von Danielle Bigata

CHRISTIAN HUTHER

Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren, guten Abend, sehr verehrte Danielle Bigata!

Die gute Nachricht zuerst - schlechte Nachrichten habe ich ohnehinnicht: Sie dürfen nämlich nicht nur, Sie sollen sogar die Marmorskulpturen und Bronzeplastiken der Künstlerin berühren. Denn nur durch das Fühlen und Tasten lassen sich die geradezu rhythmische Gliederung und die plastisch durchgebildeten Gesichts- und Körperparti-en, Knochen, Muskeln, Sehnen und Adern von Bigatas Kunstwerken nachempfinden.

Dieses Er-und Begreifen soll zudem helfen, die Geschichten von den mythologischen Figuren und von den be-rühmten Personen leichter wiederaufleben zu las-sen. Vielleicht wird dabei auch eher deutlich, was mir Danielle Bigata gestern in einem sehr interes-santen Gespräch sagte: Fünfzehn Jahre braucht ein Künstler, um mit dem Material Marmor vertraut zu werden, zehn weitere Jahre benötigt er, um den Marmor tatsächlich zu beherrschen.

Danielle Bigata stellt erst seit zehn Jahren ihre Skulp-turen aus, sie hat lange im "Verborgenen" gearbeitet.

Begonnen hatte sie schon in jungen Jahren als Malerin, empfand aber immer schmerzlich das Fehlen der dritten Dimension. In Rom zur Re-stauratorin ausgebildet, kam sie nach und nach zurSkulptur. Doch fünfzehn Jahre hat sie erst einmal fiir sich und an sich gearbeitet.

Was wir heute sehen, rund 35 Skulpturen und einige Zeichnungen, stammt aus den Jahren von 1990 bis heute. Das älteste Werk ist die Bacchus-Figur dort hinten, die jüngste Arbeit ist ein Teil des bronzenen und drei Meter hohen Jäkobspilgers für Gradignan, konkret: das Gipsmo-dell des Kopfes.

Doch lassen Sie uns in Gedanken noch einmal diesen schönen Raum verlassen und die Marmor-skulptur vor dem Historischen Rathaus in Augen-schein nehmen: "Gaia" war nach der griechischen Sage die Göttin der lebenserzeugenden und le-benstragenden Erde, die aus sich Himmel, Erde und Gebirge hervorbrachte.

Auch Bigatas "Gaia"-Skulptur zeigt einen Schöpfungsakt. Aus dem Magma erwachsen zwei Männer, sich gegenseitig haltend und stützend; einer jünger, der andere et-was älter. Die Köpfe sind nicht zu erkennen, sie sind noch nicht der Erde entwachsen. Danielle Bigata will damit die Idee der Kraft, der gegensei-tigen Stärkung, symbolisieren; "Gaia" steht aber auch für die Städtepartnerschaft und für die Idee eines geeinten Europa.

Wenn Sie später genau schauen, verläuft eine diagonale weiße Vene durch den Marmor, viele kleine Äderchen wachsen von der Mitte aus zu den beiden Figuren. Wie von einer Nabelschnur werden die Figuren mit Kraft und Energie ver-sorgt, um sie irgendwann wieder weitergeben zu können. An diesem immens schwergewichtigen Werk hat die Künstlerin zweieinhalb Jahre gearbeitet, einfach so für sich, ohne einen Auftrag.

Es ist eine Art Obsession, in die sie verfällt. Oft arbeitet sie mit dem dunklen Marmor aus Nord-Spanien; er ist zwar hart, doch darum geht es weniger.

Danielle Bigata sucht nach dem besten Ma-terial für ihre Ideen, das Sujet wird imaginiert und muJ3 im Kopf quasi beendet sein, bevor die eigent-liche körperliche Arbeit beginnt. Zuweilen kann es auch anders verlaufen, etwa beim "Narziß". Bigata sah in dem weißen Marmor-block einen gekrümmten Rücken, aus dem sich dann nach und nach der selbstverliebte. Jüngling entwickelte. Ohnehin sind die Titel nur Verweise oder Versuche, um die Betrachter leichter ins Phantasieren oder Träumen kommen zu lassen.

Wir sollen dazu angeregt werden, sich mit diesen oft vergessenen, auch schönen Mythen wieder aus-einanderzusetzen. Dabei zeigt die Künstlerin eher Idealbildnisse, keine detailgetreuen, ja gar nicht möglichen Re-konstruktionen.

Der Bacchus, eigentlich ein ‘alter Mann, ist in ihrer Interpretation ein junger Kraft-protz im prallen Lebenssaft, aber durchaus mit den positiven Seiten des Weines dargestellt. Beim Christuskopf verhalf die eindrucksvolle Maserung dcs Materials zur raschen Entscheidung. Die grauen Linien, Fasern oder Ströme lassen unwillkürlich an rinnendes Blut denken. Wie wir schon bei der "Gaia"-Skulptur gesehen haben, ist also nicht nur die formende Arbeit des Bildhauers wichtig, sondern auch die geschickte Einbeziehung der Maserung.

Bei den Bronzeplastiken indes ist alles etwas einfacher, da steht die Idee am Beginn der Arbeit. Ihre "Moses"-Plastik, wie alle Werke im expressiv-realistischen Stil gehalten, ist vielleicht das beste Beispiel für die kraftvolle Dynamik, die aus Bigatas Köpfen und Figuren spricht. Dabei steht sie, mit den Vorbildern Auguste Rodin und Camille Claudel in bester Tradition, ohne diese zu kopie-ren,Auch von Beethoven, Mozart- und Mahler-‘Musik läßt sie sich gerne umhüllen und inspirie-ren, wie die kleine Bronzebüste von Mahler zeigt.

Oft widmet sic sich auch in Bronze und. Marmor der menschlichen Hand, da sie in ihr eine der wichtigsten Charakteristiken des Menschen sieht. Und schließlich steht seit 1994 in Biberach an der Riss auf dem Kirchplatz eine Trachtengruppe, die Sie hier links in einer kleinen Bronzeversion sehen können.

Damit genug der Verweise auf die Skulpturen und Plastiken, wenden wir uns kurz den Zeichnungenzu. Danielle Bigata hat immer einen kleinen Zeichenblock dabei, auch auf langen Reisen, die sie einmal jährlich unternimmt Wieder zu Hause angekommen, entstehen dann die großen Porträt-Blätter, die keine Bildnisse im strengen Sinne sind. Es sind eher Synthesen von eindrucksvollen menschlichen Antlitzen, denen sie in Mexiko, In-dien, Nepal, Kenia, Tansania und an vielen ande-ren Orten begegnet ist und die sich ihr eingeprägt haben.

Doch wir alle müßten uns eigentlich nun in das Atelier der Künstlerin begeben, um ihr beim Arbeiten zuzuschauen. Auf sehr anschauliche, ja geradezu poetische Weise hat Jean Vautrin beschrieben, wie sich der Betrachter mit dem Werk von Danielle Bigata auseinandersetzen sollte. Diese wenigen Stitze mochte ich, wenn Sie erlauben, noch‘ zitieren:

"Wer sich Danielle Bigata nähern möchte, muß sich mit ihren Plastiken beschäftigen, sie beobachten, ausloten und verstehen suchen, auf welchem bronzenen Humus, aus welchem Herzstück einer Eiche, aus welchem Erz sie ein Acheln, eine Blume, den Schwung einer Hüfte entstehen läßt . . . Man muß gesehen haben, wie sie sich einem Mar-morblock nähert, sich mit dem Meißel Zugang zum Stein verschafft. Man muf3 gesehen haben, wie sie mal kra3vol1, mal zärthch in die Venen des Marmors eindringt, dabei schwindelnd alle Hoffnung fahren läßt oder sich zu neuer Zuver-sicht durchringt."

Aber die Hoffnung fahren zu lassen, das brauchen Sie, verehrte Danielle Bigata, nun wahrlich nicht. Von ihrem vielseitigen Können, von Ihrem bestechenden Auge legen Sie hier in Pfungstadt ein sehr eindrucksvolles und beredtes Zeugnis ab. Sicherlich gehört zu jedem gelungenen Kunstwerk auch ein Quentchen Glück. Aber brauchen wir nicht alle das entscheidende Stückchen Glück auf unseren Lebenswegen? Dazu muB man kein Nar-ziß in Marmor sein.

Vielleicht, so darf ich abschließend spekulieren. beschäftigen sich auch deshalb zunehmend mehr Menschen mit der Kunst, weil sie immer wieder und auch unvahoff Glücksmomente bietet einfach beim Schauen und Genießen von Figuren, Formen, Farben und Strukturen oder auch beim tiefsinnigen Gespräch mit der Künstlerin oder dem Künstler.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Christian Huther